Geschrieben von Klaus Candussi

Welt des Verstehens

Vom Wagnis der Wellen-Vorhersage.
Und was capito damit zu tun hat.

Wer hat das noch nie versucht: Am Strand sitzend, mit Blick aufs Meer, herauszufinden, welche der vielen heranrollenden Wellen die nächste wirklich große sein werde? Jene, die stärker, anders als alle andern, die ganz besonders wirkungsvoll ist? Und sei ihre Wirkung nur, dass man auf dem eigenen Beobachtungsposten nun endgültig nass geworden ist.

Was haben Wellen mit Veränderungen zu tun?

Das Bild der Welle wird im Zusammenhang mit Veränderung gerne bemüht. Schließlich erleben wir alle, dass Veränderungen, Entwicklungen in aller Regel nicht planmäßig, nicht geradlinig verlaufen.
Ob Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew (auch: Kondratieff) gern am Meer saß, ist nicht überliefert. Jedenfalls aber beschäftigten ihn, den Wirtschaftswissenschafter aus dem zentralrussischen Dorf Galujewskaja, die ganz großen Wellen, die der langfristigen Konjunkturzyklen. Seine Beobachtungen zu deren Gesetzmäßigkeit waren immerhin so interessant, dass wir heute gern im Zusammenhang mit den ‚langen Wellen der Konjunktur‘ von den ‚Kondratjew-Zyklen‘ sprechen.

Sitze ich als Wellen-Analyst am Ufer, scheitere ich regelmäßig mit meiner Diagnose und der darauf aufgebauten Prognose. Offenbar wirken zu viele Faktoren auf die Entscheidung ein, wie weit die nächste Welle tatsächlich den Strand zu mir heraufläuft. Mein Trost: Kondratjew beschäftigte sich zunächst mit vergangenen Wellen, da fällt die Prognose bekanntlich leichter.
Dampfmaschine, Eisenbahn und Elektrizität seien die bestimmenden Faktoren jener drei Wellen gewesen, die er zu Lebzeiten beobachten konnte und die er seiner Theorie vom Auf und Ab im marktwirtschaftlich-kapitalistischen Wirtschaftssystem zugrunde legte. Auch wenn Schumpeter und andere im Detail dem Russen widersprachen, wurden und werden auch jene Wellen, die später durch Petrochemie bzw. den Massenverkehr und durch die Entwicklung der Elektronik geprägt wurden, als vierter und fünfter ‚Kondratjew‘ apostrophiert. Dazu mag auch die Regelmäßigkeit der Wellen – sie kamen und gingen im 50-Jahre Intervall beigetragen haben. Einfache, einprägsame Rechnungen mögen wir alle und dann spielt es auch keine entscheidende Rolle, wenn die jüngeren Zyklen sich nicht buchstabengetreu daran halten.
Tatsächlich wurde Kondratjew eine Prognose zum Verhängnis. Denn seiner Theorie folgend sagte er eine Erholung des Kapitalismus nach den krisenhaften 20-er Jahren voraus, nicht bedenkend, dass die herrschende Doktrin des Stalinismus au contraire fest von dessen Untergang ausging. Das kostete ihn erst den Job und später gar das Leben.

Grafik von den Kondratieffzyklen: 1. Massenproduktion, ca. 1780-1830: Wachstums-Barriere Arbeitsfluss 2. Warenverteilung, ca. 1830-1880: Wachstums-Barriere Warenfluss 3. Massenkonsum, ca. 1880-1930: Wachstums-Barriere Energie 4. Massenverkehr, ca. 1930-1970: Wachstums-Barriere Mobilität 5. Weltwirtschaft, ca. 1970-2012, Wachstums-Barriere Informationsfluss

Die nächste große Welle bringt das Zeitalter des Verstehens

Nach den Zeitaltern der Massenproduktion, neuer Distributions- und Kommunikationswege, nach Massenkonsum und Massenverkehr sind wir seit ein paar Jahrzehnten im Zeitalter der Elektronik, in der Informationsgesellschaft angekommen.
Alle Information, alles Wissen der Welt steht allen von uns an allen Orten und (fast) zu allen Zeiten zur Verfügung. Was soll da noch kommen?

Klar, was kommt. Die nächste Welle. Das lehren uns das Meer und Kondratjew. Und das Internet ist,
rechnet man seine Vorläufer großzügig ein, auch schon wieder fünfzig Jahre alt. Höchste Zeit also für den nächsten Zyklus.
Passend zur Urlaubszeit schaue ich also aufs Meer und prophezeie die nächste Welle. Sie schwemmt das Informationszeitalter hinweg und bringt uns das ‚Zeitalter des Verstehens‘. Künstliche Intelligenz wird seine Basis-Technologie. Seid nicht traurig sage ich den notorisch Nostalgischen und den zauderhaft Zukunfts-Ängstlichen! Information ist gut, aber nur die halbe Miete, wenn ich sie nicht verstehe. Künstliche Intelligenz hilft mir heute schon, finnisch geschriebene Texte zu verstehen. Morgen könnt Ihr mit mir auf Farsi parlieren und ich verstehe Euch auf Deutsch. Und mittendrin capito, das mir nicht nur Eure Worte und Sätze, sondern auch deren Inhalt automatisiert verständlich macht.
Das Zeitalter des Verstehens wird fein!

Und wenn es anders kommt? Wenn die Welle bricht, bevor sie das Ufer erreicht und eine ganz andere hoch schwappt? Wenn meine Wellen-Vorhersage totaler Blödsinn ist?
Dann freu‘ ich mich, dass nur meine Beine nass werden. Den Kopf wird es mich schon nicht kosten. Es lebe Kondratjew!

Klaus Candussi - Gründer atempo Verein - Über uns

Klaus Candussi

Zusammen mit Walburga Fröhlich gründete Klaus Candussi vor über 20 Jahren atempo. Heute widmet er sich als Manager dem Geschäftsfeld der Internationalisierung und treibt so die Vision einer Welt, in der alle Menschen gleichberechtigt leben, lernen und arbeiten können, voran.

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